Die AudioService GmbH gehört zum Berliner Anzeigenblatt »Zweite Hand«. Das Unternehmen wickelt nicht nur die telefonische Anzeigenannahme für letzteres ab, sondern verkauft auch Eintrittskarten für Sport- und Theaterveranstaltungen und übernimmt weniger umfangreiche Beratungsangebote im Namen auftraggebender Firmen. Die Arbeitsbedingungen sind wie in Berlin in vielen Call Centern üblich ausgesprochen schlecht: Bruttostundenlohn 15 Mark, keine Wochenend- und Nachtzuschläge, keine Lohnfortzahlung im Krankheitsfall, kein Urlaubsgeld. Das Arbeitsverhältnis gründet sich auf einen so genannten Rahmenvertrag, der besagt, dass AudioService Arbeit anbieten kann, aber nicht muss. Selbiges gilt für die unterzeichnenden Arbeitskräfte. Im letzten Sommer beschloss die Geschäftsleitung, auf der Grundlage dieses Kontrakts ein Tagelöhnerverhältnis einzuführen. Sie forderte von den Agents, auf ihrem Abrechnungszettel für jeden Arbeitstag die folgende Passage zu unterschreiben: »Gemäß der zwischen der AudioService GmbH und Herrn/Frau ... geschlossenen Rahmenvereinbarung vom ... werden an den unten aufgeführten Tagen jeweils befristete Tagesarbeitsverhältnisse geschlossen. Das befristete Arbeitsverhältnis beginnt mit der für den jeweiligen Tag angegebenen Uhrzeit und endet automatisch mit der angegebenen Beendigungszeit, ohne dass es einer Kündigung bedarf«. Ein Teil der Agents war im Sommer 2000 nicht mehr gewillt, diese Arbeitsbedingungen zu akzeptieren. Dreißig Leute unterschrieben einen Brief an die Geschäftleitung, in dem sie die Umwandlung der Verträge in unbefristete Arbeitsverhältnisse mit Lohnfortzahlung im Krankheitsfall, bezahltem Urlaub und Nachtarbeitszuschlägen verlangten. Ihre Forderungen gingen somit nicht über die gesetzlichen Mindeststandards für Arbeitsverträge hinaus. Die Geschäftsleitung reagierte mit Entlassungen und der Aufforderung zu Einzelgesprächen, in denen versucht wurde, die Agents zum Akzeptieren der neuen Regelung zu bringen. Siebzehn der Agents ließen sich nicht einschüchtern und verfassten einen zweiten Brief, in dem sie auf die Wiedereinstellung der Entlassenen drängten und den ersten Brief noch einmal bekräftigten. Die meisten von ihnen wurden daraufhin ebenso rausgeschmissen und zogen vor das Arbeitsgericht. Dort konnten durch »gütliche Einigungen« immerhin noch dreizehn Abfindungen zwischen 500 und 4900 Mark herausgeschlagen werden.
Inzwischen ist wieder »Ruhe« bei AudioService eingekehrt.
Wir dokumentieren:
»War Is Over (If You Want It)«, taz berlin vom 08.12.2000 (Bericht zur letzten Gerichtsverhandlung)
Daniel Pagórek & Yvonne Winter: »I just called to say: You're fired«, Jungle World vom 16.08.2000
»Wer im Callcenter aufmuckt, fliegt raus«, taz berlin vom 28.07.2000
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